... aber sie befindet sich in Rom. Möwen fliegen über sie hinweg oder sind von Weitem zu hören.
Muss man als Kind am Meer aufgewachsen sein, um zu spüren, dass sich der Raum über der Treppe krümmt wie ein Bogen?

Wenn man, wie so oft im Alltag und im Leben, in Gedanken bereits bei dem Ziel weilt, zu dem man auf dem Weg ist, wird man überraschend unterbrochen, sobald man an jener Stelle vom Bürgersteig linker Hand zur Treppe abbiegt, die vorher dem Blick verborgen war. Plötzlich und unmittelbar tut sich ein weiter Blick auf. Denn diese Treppe ist breit, breiter als sie ihrem Zweck nach sein müsste, und reicht viele Stufen nach unten. Man kann von ihrem Sockel aus nicht nur über die unter ihr liegende Straße und Häuserreihe, sondern bis hinüber zum Stadtteil auf der anderen Seite des Tiber und die Hügel schauen. Außerdem muss man auf ihr verweilen, selbst, wenn man sie einfach nur benutzt, weil das Hinuntersteigen einige Zeit beansprucht. Wo immer man in Gedanken war, diese Treppe holt die Aufmerksamkeit für einen Moment unweigerlich in die aktuelle Gegenwart zurück. Und wenn man daran Freude hat, dann kann man es regelrecht genießen. Denn über dieser Treppe tut sich nicht einfach nur der Himmel auf, sondern ein großer, lichter Luftraum, der den Blick zum Himmel freigibt.

Ich bleibe also stehen und versuche mir vorzustellen, wie riesig diese Treppe wohl für ein Kind ist. Kindliche Wahrnehmung ist oftmals nicht nur offener als die der Erwachsenen, der Körper ist einfach auch kleiner. Aus kindlicher Perspektive muss diese Treppe und offene Raum über ihr riesig wirken. Wenn dann auch noch die Sonne scheint und der Himmel leuchtend blau ist kann man sich gesehen und geborgen fühlen, vielleicht auch von ‚woanders her‘. Aber muss man dafür ein Kind sein? Oder muss man das Meer kennen, mit seiner Weite und am Meer aufgewachsen sein, um die Empfindung zu haben, dass sich der Raum über der Treppe in einem weiten Bogen wölbt und die Sonne wie ein liebevoller Blick ‚von woanders her‘ innerlich wachsen lässt? Womöglich ist mir diese Empfindung eines großzügigen, gewölbten Raumes, der in mir Empfindungen von Freude und Geborgenheit auslöst, aus meinen vielen touristischen Streifzügen durch die Kirchen und Basiliken Roms schon so vertraut, dass ich überall Kuppeln und gewölbte Bogen sehe?!

Rom hat ja bekanntlich aus dem Altertum einen einzigartigen Kuppelbau, das Pantheon. Zu Beginn des 7.Jahrhunderts wurde es von Papst Bonifaz IV. in eine Kirche umgewandelt. Aber wenn man das Pantheon betrachtet, dann muss man wohl doch feststellen, dass dieser Architektur der Tempel eingeschrieben ist und ihm wesentliche Elemente einer christlichen Architektur fehlen.
Vielleicht lag es daran oder an den Kirchenkuppel der Byzanz, dass es in Rom über viele Jahre hinweg keine Kuppeln gab, bis im 15. Jahrhundert die Kuppel einen wahren Siegeszug in der Stadt antrat. Die rege Bautätigkeit dieser Epoche hatte in der Kuppel von Brunelleschi ihren ‚Prototypen‘ gefunden, brachte aber auch das Pantheon aufgrund seiner ausgewogenen Proportionen zu seiner kanonischen Bedeutung für den Kuppelbau.*
So hat Bramante dem Papst gegenüber stolz verkündet: „er werde mit der Kuppel der neuen Peterskirche das Pantheon auf die Maxentiusbasilika setzen. Dieses kühne Bild umschreibt nicht nur die bautechnische Setzung, die das Neubaubprojekt [des Petersdoms] erforderte, sie bedeutete auch eine kulturgeschichtlich längst fällige Konsequenz, die sich gerade auf römischen Boden aufdrängte: die Synthese von Basilika und Kuppel überwölbtem Zentralbau als den beiden wichtigen Bauformen, die das Christentum von der Antike geerbt hat.“*

Assoziationen und Empfindungen sind nicht nur subjektiv, denn wenn ich über die ästhetische Empfindung auf dieser Treppe länger nachdenke, kommt mich auch die Kuppel der Elisabethkirche in Nürnberg in den Sinn. Es ist ein klassizistischer Kirchenbau, der in Nürnberg immer etwas deplaziert wirkt, weil er nicht so recht zum Rest der Bautradition der Stadt Nürnberg passt. Man betritt die Kirche gewöhnlich durch den Seiteneingang und überschaut im ersten Moment nur den Eingangsbereich unter der Orgelempore. Wendet man sich dann nach rechts, um in den zentralen Mittelteil zu treten, tut sich ebenfalls relativ unerwartet ein offener Lichtraum unter einer hellen Kuppel auf, die ganz augenscheinlich dem römischen Kuppelbau verpflichtet ist.
* Grimal, Pierre. 1998. Die Kirchen Roms. Glanzvolle Symbole der Ewigkeit, Stuttgart/Zürich: Belser, S.88.