Streunen und Studieren, Verweilen und Experimentieren

Der qualitative Unterschied zwischen den Räumen, die ich erlebe und dem Raum, über den ich Bescheid zu wissen glaube, fasziniert mich. Mehr noch, ich liebe es und lenke meine Aufmerksamkeit gern auf mein Erleben des Raumes, so wie es in meinem Bewusstsein aufscheint. Wenn ich innehalte, mich aus dem Modus des Wissens und Auskennens löse und stattdessen den Raum um mich herum wahrnehme sowie die vom Raum hervorgerufenen Empfindungen in mir betrachte, dann fühle ich mich im Einklang mit einem Geheimnis und einer guten Ordnung, die schön ist und von einem Sinn erfüllt ist, den ich nicht verstehen, aber über den ich staunen und nachsinnen kann. Auf einmal weiß ich nicht einfach nur Bescheid, sondern das Um-mich-Herum berührt mich und geht mich etwas an.
Situation, Civitella, 2016

Offene Sinne, Zeit und Aufmerksamkeit für Affizierungen, für im Bewusstsein auftauchende Bilder und Phänomene, ästhetisch-atmosphärische Erkundungen… (Studien-)Reisen bieten an beinahe jedem Ort Anregungen und kunstnahe Lernarrangements. Experimentelles Vorgehen, welches Material und aktuelle Sinnesreize ernst und zum Anstoß für eigenen kreatives Handeln, für Naturstudien und/oder die Erprobung eigenständiger Bildwirklichkeiten nimmt, habe ich zuerst aus der Perspektive einer Studierenden, später als Dozierende im Fach Kunstpädagogik kennen und schätzen gelernt. Nunmehr pflege ich es auch auf meinen eigenen Reisen.
Toricella, 2022
Denn sinnliches Streunen und ästhetisches Empfinden sind Phänomene und Inspirationsquellen meines künstlerischen Tuns. Schönheit als Empfindung wie als herausgehobener Aspekt der Sichtbarkeit dieser Welt erfahre ich als Kraftquelle und Ort der Resilienz im Alltäglichen. Diesem Wie, dass etwas schön sein kann in der Art, wie es sich präsentiert, gebe ich mich im Innehalten und Betrachten, im  bildnerischen wie auch sprachlichen Ausdruck meiner Gedanken und Empfindungen hin. Es muss, ja darf nicht effektiv sein. Stattdessen braucht es das Verweilen, Studieren und vertiefte Wahrnehmen, die Wiederholung und experimentelle kunstpraktische Auseinandersetzung. Dann wird meisten von ganz allein, manches Mal auch erst im Nachhinein, sehr produktiv und lehrreich.