In einen neuen Tag hinein erwachen

Beim Erwachen auf einer Reise, an einem ungewohnten Ort, in der Muße einer Urlaubsstimmung ist im Erwachen des eigenen Bewusstseins Raum für das gemeinsame Geborenwerden von Raum und Welt um mich herum und meinem Ich, meinem wachen Bewusstsein mit seinen Erinnerungen und Empfindungen.*

Auf Reisen und an unvertrauten, schönen Orten fällt es meist leicht, durch Entschleunigung und Muße in eine sensiblere Raumwahrnehmung einzutauchen und die Zweckgebundenheit des alltäglichen Schauens und Erkennens für genussvolle Momente fallen zu lassen. Und beim Erwachen an einem ungewohnten Ort ist dieser Moment des Erscheinens des umgebenden Raumes im erwachenden Bewusstsein auf besondere Weise plastisch und anschaulich erfahrbar, vor allem, wenn man einmal auf dieses Phänomen aufmerksam geworden ist. Denn dem Raum um uns herum, der Räumlichkeit aller stofflichen Wirklichkeit, können alle Lebewesen, Pflanzen, Tiere wie Menschen letztlich nicht entkommen. Dieser konkrete Raum, er ist aus der Perspektive des realen, menschlichen Erlebens gesehen immer endlich. Seine Grenzen verschieben sich, wenn ich mich bewege und mein Blick geht weit über die Zonen hinaus, die ich hören oder mit wenigen Schritten erreichen, tasten und erfahren kann.

Nicht wenige kulturelle wie technische Höchstleistungen des Menschen sprengen die Grenzen dieses Raumes, der mir durch meine Sinne und leibliche Verortung als unmittelbare Präsenz zur Verfügung steht. Alfred Schütz nennt es die Zone meiner aktuellen Reichweite. Aber wer gibt sich mit dieser erreichbaren Zone schon gern zufrieden? Sie ist im Unterschied zum Raum, den wir denken, in Bildern fantasieren, erforschen können und von dem wir durch naturwissenschaftlich belegte Daten wissen, immer um ein Zentrum hin organisiert, nämlich um mein Bewusstsein und mein gegenwärtiges Hier und Jetzt. Während ich mit meiner bewussten Aufmerksamkeit meist nicht im Hier und Jetzt bin, sondern ‚in Gedanken ganz woanders’, ist der Raum um mich herum immer konkret erlebbar, präsent und auf meine sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit und leibliche Reichweite begrenzt. Das verändert sich noch einmal mehr, wenn ich mich zur Nachtruhe hinlege und sich die Zone meiner aktuellen Reichweite damit deutlich verkleinert, bevor sie mir durch den Schlaf gänzlich aus meinem Bewusstsein entschwindet. Ja, selbst mein Bewusstsein von mir selbst, kommt mir beim Einschlafen abhanden.

Im Denken, aus der Perspektive der Mathematik und des allgemeinen Schulwissens stellt sich Raum als konstant dar, als unbegrenzt und unendlich – als hätten alle beliebigen Punkte in ihm denselben Wert und als seien auch die Erde, mein Wohnort, mein Aufenthaltsort, mein Schlafplatz, mein Ich nur ein Punkt unter ungezählt vielen. Doch nur vom Prinzip her und vom rationalen Denken her sind im Raum alle Punkte gleich. Mein persönliches Erleben von Raum hat nicht nur immer denselben Bezugspunkt, nämlich mich, d.h. mein eigenes Bewusstsein, dem ich nicht entkommen kann und will, sondern der erlebte Raum um mich herum hat Orte, hat bedeutungsvolle Zentren, ist emotional getönt und manchmal auch schön.

François Cheng spricht in seinen Meditationen über die Schönheit dieses innere Raumerleben an, welches nicht nur Zentren ausbildet, um Mittelpunkte organisiert ist, bis hin zum eigenen, individuellen Bewusstsein, sondern mit mir am Morgen aus dem Schlaf erwacht. Er nennt es Co-naissance, das gemeinsame Geborenwerden (co-naissance) von Welt und In-der-Welt-Sein des (erwachenden) Menschen:

Wenn der Schlafplatz und Raum, in den hinein ich auf Reisen erwache, unvertraut ist, die Geräusche, die Position der Gegenstände, ja selbst die Richtung des Bettgestells unvertraut ist, dann muss sich Orientierung beim Erwachen erst aufbauen, braucht es mehr Zeit und kann so bewusster wahrgenommen werden. Oftmals braucht es auch einen Moment des Erinnerns an den vergangenen Tag, daran, wie man an diesen Ort gekommen ist und mit welchen Plänen für den heutigen Tag man sich zu Bett gelegt hat, um vollends orientiert zu sein.

Das eigene Ich und Ich-Bewusstsein gilt als Mitte des Menschen, die sich gleichsam wie ein Innenraum, eine innere Landschaft meinem träumenden oder nach innen lauschenden, halb-wachen Bewusstsein darstellen kann, wenn ich nur bereit bin, Aufmerksamkeit auf mein Inneres und Bewusstseinserleben zu verwenden. Während sich meine Aufmerksamkeit am Tage hauptsächlich auf den erlebten hellen Raum außerhalb meiner selbst ausgerichtet oder den virtuellen Räumen der digitalen Medien und Berichterstattungen, zieht sich mein Ich-Bewusstsein in der Nacht in Dunkelheit und Stille in den Schlaf zurück. 

Wenn wir wissen, wo wir sind, wissen wir auch, wer wir sind. Auf Reisen an unvertrauten Orten aufzuwachen hat daher auch diesen Reiz, dass es beim Erwachen diesen Moment der Co-naissance mit einem unvertrauten Wo gibt und mir ein neuer Tag anbricht, der die Chance in sich birgt, ein Tag zu werden, an dem ich mich ebenso wie den unvertrauten Ort um mich herum neu entdecke.*

***Bollnow, Otto Friedrich. 1994. Mensch und Raum. Stuttgart/Berlin/Köln: W. Kohlhammer, S.175.

**Cheng, François. 2008. Fünf Meditationen über die Schönheit. Aus dem Französischen übersetzt von Judith Klein, München: C.H.Beck, S.85.

*Vgl. Lilienstein, Pia. 2025. Kunst beginnt in dem Augenblick des gemeinsamen Erwachens von Mensch und Welt. In. Ders.  Das Bild einer/eines Fremden: Fremdheitserfahrungen und implizites Wissen in assoziativ gestalteten Bildern. München: Kopaed Verlag, 2025, S.213.